Gedanken zu gesellschaftlichem Druck auf queere Menschen – Jakobus1,2-12

2023-09-06 Sarah

CN Gewalt, Detransition, Kink

Ich denke gerade offen über Detransition nach, weil ich nicht weiß, wie lange ich dem sozialen Druck noch standhalten kann. Aus meiner Arbeit heraus weiß ich, das es viele trans Personen gibt, denen es so geht. Häufig ist sozialer Druck die Ursache, die Entscheidung für eine Detransition zu treffen. Ich möchte meine Gedanken hier teilen, um dir zu zeigen, das du nicht alleine bist. Vielleicht helfen dir meine Ansätze, Kraft zu finden. Das sind alles sehr hohe Ziele und Anforderungen, die ich mir hier stelle. Ob es wirklich funktioniert und ob ich es schaffe, wird die Zukunft zeigen müssen.

Und um es noch mal klar zu sagen. Detransition ist eine valide Option, egal aus welchen Beweggründen. Wenn du gerade in einer ähnlichen Situation bist, oder vielleicht die Entscheidung für dich schon getroffen hast und Unterstützung auf diesem Weg benötigst, schreibe mich gerne an.

Detransition würde für mich bedeuten, dass ich mich wieder den gesellschaftlichen Normen anpasse. Es verheißt mir, im Alltag meinen Frieden mit der Umgebung zu haben, mich psychisch wieder zu erholen, wieder arbeiten zu gehen und dadurch finanzielle Sicherheit. Für mich eine ziemlich große Versuchung, weil es all das Verspricht, was mir momentan fehlt. Dafür muss ich nur meine Seele – die Sarah in mir – verkaufen. „… und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlösen uns von dem Bösen“ – ziemlich passend, oder?

Heute früh habe ich mir in der Lectio Jakobus 1,2-12 angeschaut und möchte nun gerne meine Gedanken hier teilen.

„2 Meine Brüder und Schwestern, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt, 3 und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und keinen Mangel habt.„

Jemand hat mich mal gefragt, warum ich mich ärgere, wenn eine andere Person etwas tut, das mir nicht gefällt. Wenn ich in Anfechtung falle, also auf der Straße einen negativen Kommentar abbekomme, kann ich mich darüber ärgern. Ich kann aber auch die Entscheidung treffen, nachsichtiger damit umzugehen. Wenn wir mal ehrlich sind, ist den meisten Menschen nicht bewusst, wie verletzend sie in dem Moment sind. Entweder sind es irgendwelche Jugendlichen, die sich damit in ihrer Gruppe profilieren wollen. Und warum tun sie das? Weil sie selber mit sich unzufrieden sind und hoffen dadurch einen höheren Status in ihrer Gruppe zu bekommen. Eigentlich bemitleidenswert. Ich bin da nur der Auslöser für und leider der Kollateralschaden, der dabei entsteht.

Oder es sind andere Menschen, die noch nie mit queeren Menschen in Kontakt gekommen sind. Für sie ist es neu, eine trans Person zu sehen. Da wird dann schon mal länger hingeschaut, um das einzuordnen, was sie gerade sehen. Aus dieser Überraschung kann dann schon mal ein „Wassn das?“, raus rutschen. Und auch das ist sehr Verletzend. Ein Fundament ihres Weltbild wird durch meine bloße Existenz in Frage gestellt. Und um es psychisch zu erklären, fangen sie in diesem Moment damit an, um den Verlust ihres Weltbildes zu trauern. Die erste Phase der Trauer nach  Kübler-Ross ist die Verdrängung. Sie reagieren also mit Ablehnung auf mich, also auf meine Transidentität.

Einige – zum Glück wenige – sind da schon einen Schritt weiter in der Phase der Wut. Sie akzeptieren, dass ihr Weltbild nicht funktioniert uns werden darüber Wütend. Und eine Schuldige ist schnell gefunden – Ich. Ich habe ihr Weltbild kaputt gemacht. Das sie eher Wütend auf die Gesellschaft, die dieses falsche Weltbild geprägt hat sein sollten, würde einen Perspektivwechsel und Reflektion bedeuten.

All diese Situationen sind verletzend. Jede für sich ist aushaltbar, aber in der Summe sind sie sehr zermürbend. Wenn ich mich aber jedes mal darüber ärgere und es persönlich nehme, obwohl die Menschen mich nicht kennen, verstärke ich die Macht dieser negativen Erfahrungen.

Menschen können aber lernen Schmerz als etwas positives wahrzunehmen und ihr Schmerzempfinden so herabzusetzen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich aus religiösen Gründen schmerzen zufügen. Oder, was ich auch aus eigener Erfahrung kenne. Im Kink können Schmerzen etwas sehr lustvolles sein. Im Alltag bin ich recht empfindlich, aber in einer kinky Situation halte ich viel mehr Schmerzen aus. Oft frage ich mich am nächsten Tag, wie ich das geschafft habe. Oder Menschen, die sich Ritzen, empfinden den Schmerz als etwas heilendes.

Wenn das mit physischen Verletzungen funktioniert, warum nicht auch mit psychischen? Kann ich mich nicht dazu entscheiden, die Kommentare als das zu sehen, was sie sind und was dahinter steckt? Ich erhalte eine direkte Reaktion darauf, das diese Menschen, von mir berührt wurden und ihr Weltbild ein wenig ins Wanken gekommen ist. All das nur, weil ich existiere. Ganz passiv, ohne das ich wirklich etwas dafür tun muss. Mit der nächsten trans Person wird ihr Weltbild weiter wanken, bis es irgendwann in sich zusammenfällt. Vielleicht schaffe ich es ja, mich dann an den Reaktionen zu erfreuen, gerade weil ich weiß, das ich mein Licht in die Welt gesendet habe. Und diese Freude kann mir Helfen mehr zu ertragen und so am Ende zu dem vollkommenen Werk – einer offenen und diversen Gesellschaft – meinen Beitrag zu leisten. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben und so akzeptiert werden, wie wir nun mal sind, sind wir in den Augen der Gesellschaft vollkommen, werden nicht mehr angegriffen – unversehrt – und ohne Mangel – queer ist kein gesellschaftlicher Mangel mehr.

„6b denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und aufgepeitscht wird.“

Ich Zweifele gerade an mir und meinem Weg. Wie die Wellen wanke ich hin und her. In Safespaces bin ich Sarah, in der Öffentlichkeit, bin ich ein Mann. Das zermürbt. Wer bin ich denn nun? Wer will ich sein? Welchen Weg möchte ich einschlagen? Dieses Hin und Her, dieses unbestimmte macht es mir gerade noch schwerer. Ich muss eine Entscheidung treffen und diesen Weg – zumindest ein Stück – gehen. Diese Entscheidung, welche Geschlechtsidentität ich leben möchte, ob es meine psychische oder physische – so wie die Mehrheitsgesellschaft sie interpretiert – ist, ist das Fundament, auf dem ich mein neues Leben aufbauen kann. Wenn es ständig wankt, kommt auch alles andere darüber ins Wanken und wird mir immer wieder einstürzen.

Zweifel sind gut und wichtig im Prozess um zu einer Entscheidung zu kommen. Ich halte es für wichtig nicht zu lange zu Zweifeln und am Ende zu einer Entscheidung zu kommen und diesen Weg dann zumindest ein Stück weit zu gehen.

„9 Der Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe;„

Wenig Selbstbewusstsein, ein schlechtes Selbstbild, davon habe ich genug. So lange das so ist, werde ich Schwierigkeiten haben, dem Druck stand zu halten. Diesen Vers verstehe ich als klare Anweisung, mich als das wundervolle Geschöpf, das ich bin zu akzeptieren und mich meiner Höhe zu rühmen. Was nicht heißt, das ich jetzt überheblich werde und mich größer mache als ich bin. Aber ich darf mir meiner Höhe bewusst werden und wachsen.

„12 Selig ist, wer Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.“

Dieser letzte Vers fasst es nochmal gut zusammen. Wenn ich es schaffe die Anfechtungen zu erdulden, mir ein stabiles Fundament aufzubauen, muss es sich noch bewähren. Aber dann wenn es sich bewährt, bekomme ich die „Krone des Lebens“. Ich kann endlich wieder anfangen frei zu leben und diesem, meinem, Leben die Krone aufsetzen. Am Ende meines Lebens kann ich dann stolz zurückschauen und mich an allem erfreuen, das ich erreicht habe.

Predigt „Queere Andacht“ 24.06.2023

2023-06-26 Sarah

CN Gewalt, Suizid

„Ihre Tochter hat heute wieder ein Kind geschlagen.“ Gut das höre ich mindestens ein mal die Woche, wenn ich meine Tochter aus der Kita abhole. Sie ist 2, da ist die Sprache noch nicht so ausgereizt, das man Konflikte mit Worten lösen kann. Wir gehen also nach Hause, setzen uns in Ruhe hin und ich frage sie, was passiert ist. „Der Erik hat mir das Feuerwehrauto weggenommen und ich wollte es wieder haben. Da habe ich ihn dann gehauen.“ „Kind, das hast du sehr gut gemacht. Zeig den Jungs, das man mit Mädchen nicht so umgehen kann. Ich bin stolz auf dich.“, denke ich mir, sage es aber nicht.

Die Gruppe im Kindergarten ist ein Beispiel, wie unsere Gesellschaft auch aussehen könnte. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Die schwachen Kinder werden unterdrückt und müssen mit dem spielen, was niemand anderes haben möchte. Aber immer in der Gefahr, das ein anderes Kind es sich anders überlegt und jetzt genau dieses Spielzeug haben will und es kommt wieder zu einem Konflikt, der Notfalls auch mit Gewalt gelöst wird, wenn das schwächere Kind nicht nachgibt. Will ich in so einer Gesellschaft leben? Haben wir den Teil unserer Geschichte nicht schon längst überwunden?

Was mache ich jetzt mit meiner Tochter? In der Gruppe, in der sie sich da in der Kita befindet, war ihr Verhalten ja eigentlich angemessen. Es würde aber eine Gesellschaftsform manifestieren, in der ich nicht leben möchte. Also erkläre ich ihr das mit der Diplomatie „Hast du versucht mit Erik zu reden? Hast du ihm gesagt, das du das blöd findest? Ihr könnt doch teilen. Erst spielt er ein paar Minuten mit dem Auto und dann darfst du es haben.“ Ich denke, das ist etwas, das die meisten Eltern so sagen würden. Oder?

Leben wir wirklich das, was wir den Kindern beibringen? Wenn jemand zu mir ankommt und sich ungefragt mein Fahrrad nimmt, ist meine Reaktion ganz bestimmt nicht „Du darfst es jetzt 30 Minuten haben und dann bin ich wieder dran. Hab viel Spaß damit.“ Wir sagen unseren Kindern das eine und halten uns dann selber nicht dran?

Ich denke, bei Jesus war es ähnlich. Er hat uns die Gewaltfreiheit gepredigt. Er hat uns friedlichen Widerstand gezeigt. Und er ist auch mit gutem Beispiel voran gegangen. Was in einer idealen Welt auch super funktionieren würde. Leider leben wir aber nicht in dieser idealen Welt. Und keine Regel ohne Ausnahme.

Ich weiß nicht warum Jesus im Tempel, Krawall einer diplomatischen Lösung vorgezogen hat. Ich bin mir aber ziemlich sicher, das er seine Gründe dafür hatte.

Ein paar Jahre später hat sich die Gruppe in der Kita beruhigt und Konflikte werden in der Regel friedlich gelöst. „Ihre Tochter hat sich mit Erik geprügelt. Der Junge musste zum Arzt und hat eine leichte Gehirnerschütterung.“ Uff. Wir gehen also wieder nach Hause, setzen uns in Ruhe hin und ich frage sie, was passiert ist. „Der Erik hat mir den Ball weggenommen und wollte ihn mir nicht wieder geben. Als ich gesagt habe, das ich zu Frau Schneidereit gehe, hat er mich festgehalten und gehauen. Ich habe ihn dann zurück gehauen und geschubst. Da ist er dann gegen dem Baum gefallen.“ Unter Tränen sagt sie noch „Ich wollte nicht, das er sich so weh tut. Es tut mir ganz dolle leid. Ich habe mich auch schon bei ihm Entschuldigt.“

Was mache ich nun mit ihr? Ich habe ihr gesagt, das sie alles richtig gemacht hat.
„Wenn dich jemand angreift, darfst du dich wehren. Und zur Not darfst du dann auch zurück hauen und schubsen. Aber pass auf das du dabei nicht zu dolle machst. Du hast ja gesehen, was passieren kann“.

Das scheint sie am nächsten Tag in der Kita erzählt zu haben. Jedenfalls fand das die Erzieherin wohl nicht so toll und ich habe ein Gespräch mit ihr und der Teamleitung gewonnen.

Meiner Meinung nach haben wir alle ein Recht auf Verteidigung und wir dürfen uns im wehren. Im Notfall auch mit Gewalt. Aber Gewalt zieht immer noch mehr Gewalt nach sich und es eskaliert fröhlich vor sich hin. Das heißt, das wir regulierend eingreifen müssen, um eine Eskalation zu verhindern. Das Ziel sollte also immer sein so viel Gewalt wie nötig, aber so wenig wie möglich anzuwenden.

In der Geschichte mit meiner Tochter ging es um physische Gewalt. Einfach, weil das Ergebnis sofort sichtbar ist und auch Außenstehende es beobachten können. Bei der psychischen Gewalt ist das anders. Das Ergebnis dieser Gewaltform ist nach außen unsichtbar. Regelmäßig transfeindliche Rhetorik zu hören, zu sehen, das die Gesellschaft immer weiter nach rechts rückt, macht mir Angst. Jede Beleidigung, jede Diskriminierung, jedes Misgendern, das ich erlebe lässt mich schlecht fühlen. Und egal, wo ich hin gehe, es begegnet mir überall. Bei Menschen, die selber nicht betroffen sind, erlebe ich oft, das es noch herunter gespielt wird. „Ist doch bloß ein dummer Kommentar. Ignoriere es einfach.“ sind Ratschläge, die ich häufig bekomme. Ich würde es liebend gerne einfach ignorieren und nicht an mich heran lassen. Aber es geht nicht. Ich fange an an mir zu zweifeln und der Selbsthass wächst unaufhaltsam. Von Außen, aber sieht man das alles nicht.
Bei mir hat das bereits 2 Mal dazu geführt, das ich nach einem Suizidversuch auf der Intensivstation aufgewacht bin. Erst da ist das Ergebnis jahrelanger intensiver psychischer Gewalt sichtbar geworden. Also theoretisch, hätte man es da sehen können. Aber weißt du, was wirklich passiert ist? Ich wurde zum Täter gemacht. Mir wurde vorgeworfen, das ich nicht an meine Freunde und Familie denke und was ich ihnen damit antue. Was ich aber jeden fucking Tag erlebe und aushalten muss, wollte niemand hören. Da wird dann wieder weggeschaut und alles herunter gespielt.

Ich habe mittlerweile sehr viele Menschen kennen gelernt, denen es so wie mir geht. Und ich bin mir sicher, das auch heute, hier unter uns einige sind, die das auch kennen.

Was können wir tun, um auf das Ausmaß psychischer Gewalt aufmerksam zu machen? Welche Mittel haben wir um uns zu wehren? Wie viel Gegenwehr ist angemessen und wie viel ist zu viel? Und wer bestimmt das eigentlich?

Wie kann ich das eines Tages meiner Tochter erklären?

Ich weiß es nicht.

Amen

Predigt „Queere Andacht“ 30.04.2023

2023-05-01 Sarah

Die Predigt gibt es ab Minute: 1:58:40 in der 188 Ausgabe vom Hör doch mal zu Podcast zum Hören.

Embrace who you are

Als ich vor ein paar Wochen das Thema gesehen hatte, kam mir sehr schnell der Gedanke, dass ich dazu viel Beitragen kann und auch möchte.

Schnell kamen in mir dann aber wieder die Selbstzweifel auf. Ich hatte Gedanken, wie:

„Ich habe ja erst vor 4 Wochen angefangen meinen Weg zu G*tt zu finden. Ich habe noch fast keine Ahnung vom Glauben, der Bibel und Gottesdiensten. Wie kann ich mir dann anmaßen, eine Predigt halten zu wollen? Und außerdem stehe ich ja sowieso nicht gerne im Rampenlicht.“

Mir fehlte dann doch der Mut und das Selbstvertrauen.

Wie du nun aber siehst, stehe ich jetzt doch hier. Wie es dazu kam, ist ein schönes Beispiel für den heutigen Psalm

G*tt weidet mich, mir fehlt es an nichts. Ps 23,1 [BigS]

Mir fehlt es an nichts. Ich hatte nicht den Mut, mein Vorhaben umzusetzen. Ich wollte schon aufgeben. Dann hat G*tt mir wundervolle Menschen geschickt. Menschen, die mir die Kraft, die mir fehlte, gegeben haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber warum stehe ich jetzt hier und habe das Privileg an diesem heiligen Ort vor G*tt zu euch sprechen zu dürfen? Warum hat G*tt mir geholfen, dieses Ziel zu erreichen? Warum ich? Was macht mich so besonders?

Ich habe den heilige Prozess der Neuschöpfung auf eindrucksvolle Weise am eigenen Leib erlebt und auch erlitten.
Ich bin keine der trans Personen, die es schon ihr Leben lang wussten. Bei mir gab es diesen einen Moment, in dem G*tt mir offenbart hat, dass ich nicht der Mensch bin, der ich immer dachte zu sein. Dieser eine, wichtige Moment hat mir die Kraft gegeben, mich auf die Suche zu meinem wahren Ich zu begeben. Dieser Weg war nicht einfach. Hauptsächlich, weil ich sehr lange dagegen angekämpft habe.

Ich habe dagegen angekämpft, weil wir in dieser Gesellschaft, von Kindesbeinen an darauf dressiert werden in bestimmte Boxen zu passen und einfach zu funktionieren. Alle Menschen, die dort ausbrechen, werden verachtet, gedemütigt und verstoßen. Ich habe das geglaubt. Ich war ein Teil des Systems. Ich habe mich angepasst und dabei vergessen auf mich zu achten. Um das zu bemerken, habe ich den Impuls von G*tt gebraucht. Als ich mich auf den Weg zu mir gemacht habe, wollte ich, nein musste ich aus diesen Schubladen ausbrechen. Dafür habe ich mich verachtet und war voller Selbsthass. Ich habe mir selbst mehr seelisches Leid zugefügt, als jeder andere Mensch es jemals hätte tun können.

Wie wir gerade bei den rechten Evangelikalen in den USA und teilen Europas sehen, gibt es einige wenige, aber laute Gruppen die das Wort Gottes für diesen Zweck missbrauchen. Die sich die heiligen Texte so hinbiegen, wie es ihnen passt. Nur um eine Legitimation zu finden, Menschen die anders sind, die sich nicht anpassen, zu unterdrücken und verfolgen. Seien es People of Color, anders Gläubige, behinderte oder queere Menschen; oder selbstbewusste Frauen.

Dabei zeigt sich doch gerade in der Individualität der Menschen, wie kreativ G*tt ist. Und G*tt liebt jede einzelne ihrer Schöpfungen. Wenn in dieser Gesellschaft jede Individualität verurteilt wird und wir so am Ende alle angepasst und gleich sind, zerstören wir dann nicht das Werk Gottes?
Und wenn für diesen Akt der Zerstörung die Worte Gottes als Rechtfertigung hergenommen werden, spätestens dann sollten alle Christ*innen aufstehen und gegen dieses Unrecht ankämpfen! Das du heute hier bist, ist ein erster, wichtiger Schritt in Richtung einer vielfältigen und gerechten Welt.

Jetzt, wo G*tt mir mein Herz geöffnet hat, fange ich langsam an das Wunder auch als solches zu erkennen und anzunehmen. Ich kann nun zu mir stehen und mich als den Menschen, der ich bin, lieben. Genauso, wie G*tt es tut.

Nicht jede Neuschöpfung muss so groß und weitreichend sein. Viele Punkte in unserem Leben, an denen wir das Alte hinter uns lassen und Platz für etwas Neues machen, sind sehr schön und werden gebührlich gefeiert, wie zum Beispiel die Konfirmation, wenn wir die Kindheit hinter uns lassen und in das Erwachsenenleben eintreten; oder die Hochzeit, wenn wir uns mit einem anderen Menschen verbinden und die neuen Wege gemeinsam gehen.

Die meisten Veränderungen gehen aber fast unbemerkt an uns vorbei, weil sie klein sind und wir sie nicht sehen.

Jeden Morgen erwachen wir zu neuem Leben. Jeden Morgen sind wir ein neuer Mensch.

Wenn ich dich frage: „Wie hast du dich von gestern zu heute verändert?“ Dann wirst du mir wahrscheinlich nichts sagen können.

Wenn ich dich frage: „Wie hast du dich seit letzter Woche verändert?“ Dann wird dir vielleicht schon etwas kleines auffallen, wenn du genau hinschaust.

Wenn ich dich aber frage: „Wie hast du dich in den letzten 5 oder sogar 10 Jahren verändert?“ Dann wirst du sicherlich mit Leichtigkeit sehr viel erkennen können. Und bei vielen Dingen kannst du auch nicht den einen Moment, an dem du dich verändert hast, benennen. Es sind die vielen kleinen Dinge, die uns jeden Tag verändern und uns zu dem wundervollen Menschen machen, der wir sind.

Genauso wie die wundervollen Menschen, die mir den Zuspruch gegeben haben, der mir gefehlt hat, können wir alle schon mit kleinen Gesten etwas großes bewirken. Ein Lächeln, oder ein Danke, das von Herzen kommt, kann für unsere Nächsten einen Unterschied machen.

Deshalb möchte ich jetzt hier von ganzem Herzen Danke sagen. Danke, das du heute hier bist.